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Authentizität und Dialogbereitschaft der Spitzenkandidaten im Bundestagswahlkampf 2017

Authentizität gehört zu den wichtigsten Schlagwörtern, wenn es um die politische Imagebildung geht. Die Wähler wünschen sich Politiker, die Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit ausstrahlen. Obwohl sich die Mediennutzer darüber im Klaren sind, dass Social-Media-Auftritte von Spitzenpolitiker*innen nur eine konstruierte Authentizität abbilden, man spricht von der „mediated authenticity“ (Bruns et al. 2015), wird das digitale Verhalten der Politiker stets kritisch beleuchtet.

Wer schreibt da überhaupt?

Betrachtet man die Profile der im Bundestagswahlkampf involvierten Spitzenpolitiker, fällt eines anhand der Selbstbeschreibungen auf: Die Redaktion der Seiten übernehmen nicht alle Kandidaten vollständig. Christian Lindner, der sich mit dem Wahlspruch „Digital first. Bedenken second.“ das Internet auf die Fahnen geschrieben hat, ist ehrlich und gibt schon in seiner Profilbeschreibung an: „Es twittern Christian Lindner selbst (CL) und sein Team (TL).“ Auch die Grünenpolitikerin Göring-Eckardt hält es transparent und schreibt sich ins Profil: „Team twittert mit/GET“. Bei Martin Schulz, dem Spitzenkandidaten der SPD, weist keine Beschreibung darauf hin, dass auch sein Team involviert ist. Auch AfD-Spitze Weidel, Grünenpolitiker Özdemir, sowie Die-Linke-Vertreter Bartsch und Wagenknecht und das Dreier-Gespann der Piraten geben keine Hinweise auf Redaktionsmitarbeit.

Einige Politiker weisen in ihrem Twitterprofil auf Redaktionsmitarbeit hin.

Setzt man die Angabe zur redaktionellen Unterstützung ins Verhältnis mit den im Wahlkampf erstellen Original-Tweets (eigene Tweets, kommentierte Retweets und Antworten), lassen sich zwei Feststellungen machen. Angeführt wird die Liste der Original-Tweets mit mehr als 1000 Tweets von Piraten-Politikerin Anja Hirschel. Parteikollege Sebastian Alscher belegt mit mehr als 370 Tweets Platz drei der Rangliste. Die starke Aktivität der Piratenpartei auf Twitter entspricht den politischen Zielen und auch der Zielgruppe der Kleinpartei. Auf ihrer Webseite erklären sie prominent: „Politiker, für die Internet Neuland ist? Oder Digital-Experten, die deinen Staat sicherer, smarter, bürgerfreundlicher und effizienter machen? Die Piratenpartei updatet Deutschland am schnellsten für die Zukunft.“ Wer für diesen Slogan steht, kann es sich nicht leisten, in sozialen Netzwerken abgeschlagen zu sein. Die starke Präsenz der Piraten ist für ihre Wählerschaft ein Zeichen der Authentizität. Die Kandidaten zeigen, dass sie hinter ihrer Wahlbotschaft stehen und diese selbstständig, ohne Redaktionsunterstützung, umsetzen. Eine Partei, die die Digitalisierung fordert, aber in sozialen Netzwerken keine Präsenz zeigt, wirkt auf die Wähler unglaubwürdig. Auf Platz zwei und vier der am meisten tweetenden Politiker folgen FDP-Spitzenkandidat Lindner und die Grünen-Kandidatin Göring-Eckardt und somit die Politiker, die nicht nur allein den Microblogging-Dienst Twitter bedienen, sondern redaktionelle Unterstützung von ihrem Team erhalten.

Anzahl eigener Tweets (inkl. Antworten und kommentierte Retweets) der Spitzenkandidat*innen

Wird der Dialog gesucht?

Ein Vorteil sozialer Netzwerke ist im Vergleich zu traditionellen Medienangeboten wie Zeitungen, Webseiten oder TV-Auftritten die Möglichkeit des direkten Dialogs. Während die Wahlarenen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen nur wenigen Bürgern den Raum für eigene Fragen bietet, ermöglichen die sozialen Netzwerke allen Nutzern den direkten Kontakt. Dieser direkte Kontakt und der daraus eventuell erwachsende Dialog sind ebenfalls wichtige Bausteine dafür, wie authentisch und nahbar ein Politiker auf die Social-Media-Nutzer wirkt.

Auf Twitter bietet sich die Möglichkeit des Dialogs über die sogenannten @-Erwähnungen. Wird ein Nutzer über das @-Zeichen in einem Tweet markiert, hat er die Möglichkeit, zu antworten und eine Unterhaltung zu beginnen. Die Analyse der Bundestagswahldaten zeigt: Martin Schulz, Dr. Alice Weidel und Christian Lindner erhielten bisher die meisten @-Erwähnungen. Spitzenreiter Martin Schulz, Kanzlerkandidat der SPD, erhielt seit Beginn der Datenerhebung am 11. Juli mehr als 126.000 @-Erwähnungen. Während dies keinen Hinweis auf die Beliebtheit des Kandidaten liefert, zeigt es trotzdem: Die Nutzer suchen den Dialog mit Schulz, stärker als mit allen anderen auf Twitter vertretenen Kandidaten.

Anzahl @-Erwähnungen der Spitzenkandidat*innen durch andere Nutzer

Doch nutzen die Politiker die Möglichkeit des direkten Bürgerdialoges aus? Antworten Sie auf die Anfragen der Social-Media-Nutzer und tauschen sich mit ihnen aus? Reduziert man die Daten der Original-Tweets der Spitzenkandidaten allein auf die Antworten, also die Reaktionen auf @-Mentions oder Tweets von anderen Usern, zeigt sich, dass Anja Hirschel, Christian Lindner, Sebastian Alscher und Katrin Göring-Eckardt auch hier die vorderen Plätze belegen. 722 der mehr als 1000 Original-Tweets von Piratin Anja Hirschel sind Antworten. Dies zeigt, dass Anja Hirschel ihren Twitter Account nicht als Einbahnstraße versteht, sondern ihn zum direkten Austausch mit den Usern nutzt. Ähnlich intensiv nutzen auch die folgenden Plätze der Rangliste – Lindner, Alscher und Göring-Eckardt – die Funktion des Antwortens. Dies lässt vermuten, dass neben den Piraten die Kandidaten, die sich Unterstützung durch ihr Team in der redaktionellen Betreuung ihres Accounts gesucht haben, es besser schaffen, einen Dialog mit den Twitter-Nutzern zu gewährleisten.

Anzahl Antworten der Spitzenkandidat*innen auf Tweets anderer Nutzer

Martin Schulz hingegen, obwohl dieser sehr stark von den Bürgern durch @-Erwähnungen herausgefordert wird, hat im gesamten Erhebungszeitraum nur eine Antwort verfasst. Er versäumt die Möglichkeit, mit den vielen Nutzern in den Austausch zu treten, die ihm Fragen stellen, ihn ansprechen, oder auch kritisieren. Natürlich entspricht nicht jede @-Erwähnung einer sinnvollen Anfrage, die den fairen Dialog sucht, jedoch ist davon auszugehen, dass unter mehr als 126.000 @-Erwähnungen auch spannende Kommentare zu finden sind, die einen direkten Dialog mit einzelnen Wählern erlaubt hätten. Auch Alice Weidel, deren Partei, die AfD, sich gerne als Partei der Bürgernähe beschreibt, verfasste im gesamten Erhebungszeitraum nur zehn Antworten und hebt sich so kaum von Kandidat Schulz ab. Wie viele Anfragen die Spitzenkandidaten in Form von Privatnachrichten beantwortet haben, lässt sich an dieser Stelle nicht nachvollziehen und kann ein anderes Bild zeigen.

Abschließend muss festgestellt werden, dass Twitter durch die Spitzenkandidaten oft nur als Einbahnstraße für die Informationsverbreitung genutzt wird und nicht als Chance des Dialogs, der die wahrgenommene Authentizität der Spitzenkandidaten durch die gezeigte Bürgernähe fördern könnte. Da auf Twitter Antworten der Politiker ebenfalls im öffentlichen Raum stattfinden, sollten die Politiker stets im Hinterkopf behalten, dass jede gute Antwort, jeder gute Dialog auf Twitter viele weitere Bürger erreichen kann, die der Diskussion nur als stille Betrachter folgen.